In loser Reihenfolge stellen wir hier Create Berlin Mitglieder vor, die sich todesmutig unserem Pick-5-Zufallsinterview gestellt haben. Aus 25 Fragen werden blind 5 Fragen ausgewählt, die der Interviewte dann ohne Bedenkzeit beantwortet. Diesmal Opfer: Ingo Strobel von Motorberlin

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Was wäre dir lieber? 500.00 Euro oder die Fähigkeit Fliegen zu können?
Ingo: (dreht sich um und präsentiert uns sein Fallschirmspringer T-Shirt) Ich glaube, das beantwortet die Frage! Wir haben vor 3 Jahren angefangen für das Berliner Fallschirmunternehmen zu arbeiten. Das ist eine ganz lustige Geschichte. Ich bin von einem Freund überredet worden, einen Tandemsprung zu machen. Ich war so begeistert davon, dass ich direkt vom Landeplatz zum Büro gelaufen bin und gefragt habe „Was muss ich tun, um hier weiter machen zu können?“ Ich hatte eigentlich keine 2500 Euro für eine Fallschirmausbildung, habe aber trotzdem angefangen. Der Sprungplatzleiter hatte gleichzeitig in dem Sommer den Plan entwickelt, diesen Sprungplatz zu kaufen. Deswegen brauchte er alles neu, neue Grafik, neue Marke. Ich bin mit ihm ins Gespräch geklommen und habe für ihn dann die ganze Marken- und Grafikentwicklung übernommen. Er hat diese Rechnung bezahlt und von der Hälfte davon habe ich die Fallschirmausbildung bezahlt.

Das Spannende am Fallschirmspringen sind diese 60 Sekunden Freifall. Man springt in 4000 Metern aus dem Flugzeug und hat 60 Sekunden zeit bis man den Fallschirm öffnen muss. In dieser Minute stürzt man ja nicht einfach hilflos dem Boden entgegen, sondern man lernt eigentlich Fliegen. Im Anstrom der Luft sich zu bewegen, sodass man Manöver und Saltos machen kann. Man lernt das Stürzen zu kontrollieren. Es ist wie Schwimmen lernen, nur etwas schneller.

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Mit den Jahren glaube ich auch immer mehr, dass Design viel mehr um existentielle Dinge geht, als irgendwelchen Leuten etwas schöner zu malen. Man kann ja Design auch begreifen als „die Suche nach dem wahren Wesen, nicht nur der Dinge, aber auch der Menschen, die sie benutzen“. Kunst ist bestimmt auch etwas Existenzielles, aber an Kunst kann man nicht so unmittelbar die Bedürfnisse der Menschen erforschen oder erkennen.

Ettore Sottsass hat mich ´94 in einer Unterhaltung darauf gebracht: „Design ist wie vorwärts gewandte Archäologie“. Es gibt Leute, die graben 100.000 Jahre alte Sachen aus, um herauszufinden, wie die Menschen damals gelebt haben – anhand der Gegenstände, die sie übrig gelassen haben. Und Designer machen das Gleiche nach vorne. Man erfindet ja auch nichts aus dem blauen Dunst heraus, sondern fragt sich vorher „Was möchten die Leute eigentlich, was interessiert einen heute und was braucht man dafür?“.
Was ich sagen möchte ist, dass man versucht, hinter das Wesen der Dinge zu geraten und nicht so sehr sich selbst verwirklicht. Also mir geht es nicht so sehr darum, mich selbst in ein Produkt zu stecken, sondern dem Produkt dahin zu helfen, was es sein oder werden könnte.

 

Wann hast das letzte mal den Sprung ins Ungewisse geplant?
Ingo: Da müsste ich jetzt in mein Fallschirmsprungbuch schauen. Ich glaube das war am 20. April dieses Jahr.

 

Was bedeutet ein Haustier für dich?
Ingo: Ich habe gar kein Haustier. Ich hatte mal ganz lange eine Katze, mit der ich mich echt super verstanden habe. Die habe ich aber bei meiner Mutter gelassen, als ich nach Berlin gezogen bin. Ich habe dann immer mal wieder darüber nachgedacht, ob ich wieder eine Katze haben möchte. Es geht mir schon so, aber auf der anderen Seite ist es schon ein egoistischer Wunsch ein Tier in einer Stadt wie Berlin zu Hause einzusperren. Selbst wenn sie hier 300 qm Platz zum toben hat, käme sie nicht in den Garten, weil es vier Stockwerke hoch ist. Wenn man sich das Leben in Berlin anschaut und die Leute, die mit Hunden durch die Gegen turnen, die alle neurotischer sind, als ihre Herrchen, dann weiß man, wo es herkommt. Das ist allgemein ein kompliziertes Thema mit Haustieren in der Stadt. Es ist was anderes, wenn man auf dem Land wohnt, dann hat man einen anderen natürlichen Umgang mit den Tieren.

 

Wenn du jetzt an einem anderen Ort sein könntest, wo wäre das und warum?
Ingo: Spontan fällt mir mein letzter Urlaubsort ein. Dort waren wir nicht lange genug. Das erste Mal in meinem Leben war ich in Griechenland, auf Kreta. Auf der Südinsel, wo kaum Tourismus herrscht. A kannte ich Griechenland nicht und B Kreta logischerweise auch nicht. Ich war noch nie, außer in Indien, in einem Land, wo so viele Tiere auf der Straße leben. Kreta ist an sich schon ein sehr bergiges Eiland, der höchste Berg ist 2,5 tausend Meter hoch, also Alpenniveau. Mitten im Mittelmeer steht da so ein Berg rum. Die drei Flughäfen, die Kreta hat, finden sich nur auf der Nordinsel. Und auch der Tourismus hat sich hauptsächlich auf der Nordinsel verbreitet. Weil die meisten Leute offensichtlich nicht über diese Bergkette rüberfahren, schon seit 40 oder 50 Jahren nicht. Man fährt über diese Berge und nach jeder Kurve standen dort irgendwelche Tiere, wie Ziegen, Schafe, Esel, Hunde, Katzen. Total verrückt. Nach Indien habe ich noch nie so viele Tiere auf der Straße gesehen. Im Jahr 2009! Einmal ist uns auch ein alter Mann auf der Straße begegnet, der ritt auf seinem Esel durch die Berge und zog einen Olivenbaum hinter sich her. Und dabei waren die Leute alle so freundlich und fröhlich und guter Dinge. Ich hatte das Gefühl, dass sie in sich ruhen und nichts anderes machen, als im Sommer ihr Haus an Touristen vermieten und mit ihrem Esel mal einen Olivenbaum hinter sich her schleifen.

Dort gibt es auch wunderschöne Strände, wirklich wie man es von Postkarten kennt. Total klares blaues Wasser, egal wie tief es war, überall konnte man auf den Grund schauen. Wir waren nur 12 Tage da und nach diesem stressigen Jahr hätte ich auch noch 2 oder 3 Wochen dranhängen können. Kreta ist wirklich sehr empfehlenswert. Sehr freundliche Menschen. Griechisch ist glaubeich auch die einzige Sprache auf der Welt, wo es für Fremder und Gast das gleiche Wort gibt. Ein Fremder, der ins Dorf kommt, ist automatisch ein Gast. Die griechische Gastfreundschaft ist ja bekannt. Ich habe sie bis dahin nur als Klischee oder Behauptung gekannt, aber das stimmt nicht. Wir waren am Ende der Saison da und es gab keinen einzigen Menschen, der uns das Gefühl gegeben hat „Ihr Touristen geht mal nach Hause, wir wollen endlich unsere Ruhe haben.“ Das hatte ich mal auf Lanzarote. Ich war am Ende der Saison dort, im Februar. Die Insel war ziemlich leer, und die Leute, die den ganzen Sommer Touristen bedient haben waren sehr übel gelaunt.

Also ich liebe meinen Beruf, ich bin total gerne und fröhlich Designer. Ich würde nichts anderes machen wollen, wegen der vielen abwechslungsreichen spannenden Dinge, die man so machen kann. Aber es war das erste Mal, dass ich aus dem Urlaub zurück gekommen bin und das Gefühl hatte, man braucht nicht mehr, als ein kleines weißgestrichenes Ding am Strand und ein Segelboot und gutes Wetter. Und eine Schaufel, damit man im Garten seine Kartoffeln anbauen kann. Und vielleicht mal ein Schaf totschlagen. Es ist auch mitten in Europa, einfach so simpel und auf eine schöne Art reduziert auf die nötigen Dinge.

 

Was weckt in dir den heftigen Wunsch zu töten?
Ingo: Heftiger Wunsch würde ich schon mal nicht sagen. Aber ich denke es gibt schon Situationen, in denen man sagt „ok, das war’s jetzt“. Mir geht es schon so, dass ich im Laufe der Zeit eine andere Einstellung zu Gewalt und Aggression entwickelt habe. Ich glaube in dem Moment, in dem jemand anders meine Nächsten oder mich lebensbedrohlich angreift oder bedroht, fällt die Entscheidung, das Recht auf „verschont werden“ ad acta legt. Im Verteidigungsnotfall hätte ich keinen Grund zurück zu halten.

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Es ist trotzdem eine spannende Frage, denn mit Gewalt und Gewalttätigkeit wird sich aus einer falschen Pietät heraus nicht ordentlich und ausführlich genug beschäftigt. Man kommt auch nicht dazu vernünftig oder sinnvoll darüber zu sprechen oder ein adäquates Verhaltenssystem dazu zu entwickeln, wenn man das immer wegschiebt. Also ich glaube Gewalt kann man nicht einfach per se verabscheuen, denn es gibt Situationen in denen sie leider notwendig ist.

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Es gab mal eine Situation, wo jemand rückwärts fuhr und nicht geguckt hat. Wir haben hinter ihm die Straße überquert und er hat fast mein Kind überfahren. Ich habe erst ans Auto geklopft. Er fuhr aber weiter und hat schon den Kinderwagen angefahren. In dem Moment habe ich nicht mehr gefühlt sondern einfach nur noch reagiert. Ich habe von hinten gegen das Auto getreten, sodass der Fahrer endlich vor Schreck angefangen hat zu bremsen und somit nichts passiert ist.

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Man muss seine Gewalt im Griff haben. Komischerweise heißt das aber nicht sie hundertprozentig zu vermeiden. Sondern ich glaube es gibt dann trotzdem wieder Grenzsituationen in denen man „kühl und kalkuliert“ plötzlich doch in einer Situation ist, wo so etwas passiert. Ich finde das nicht schön, aber in gewisser Weise ist es selten, aber manchmal notwendig.

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Durch die Entwicklung in den letzten Jahren ist die Fragestellung, wer diesen miesen Job übernehmen soll, darauf zu schauen, dass manche Sachen nicht die Überhand gewinnen, komischerweise extrem verpönt worden. Die ganze notwenige wichtige liberale friedwertige Erziehung die wir alle irgendwie durchgemacht haben. Ich komme aus einer linksliberalen erzogenen Ecke, stehe dazu und denke, da lief einiges richtig. Aber Gewalt ist per se verpönt wurden.

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Ich glaube auch nicht, dass man Auge um Auge, Zahn um Zahn, generalisieren kann. Es ist wirklich von Fall zu Fall unterschiedlich. Ich bin trotzdem nach wie vor gegen die Todesstrafe. Ich glaube nicht, dass es um Rache geht. Es geht wirklich nur um schützen, bewahren und im richtigen Moment zur Stelle sein.
Der Umgang mit Gewalt wird so komisch in letzter Zeit. Neulich haben sie eine Bekannte von einer Bekannten auf der Warschauer Brücke einfach vom Fahrrad gezogen und zusammengetreten. Das waren irgendwelche Jugendlichen, die hatten nur Bock auf Abenteuer. Da ging‘s nicht um Ärgern oder Streiten oder um Skinheads gegen irgendwen. Sondern einfach nur „happy slapping“, Langeweile. Und dann gibt es Leute, wie diesen Münchner, den sie da totgeschlagen haben. Der in so einer Situation eingreift, mit seiner alten Meinung von vor 50 Jahren, Gentleman spielen will und gar nicht merkt, in was für eine Gefahr er sich begibt. Und eine Minute später ist er tot. Ich glaube man sollte da anders darüber nachdenken, als man das gelernt hat, aber mit heftigem Wunsch hat das nichts zu tun.